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Ich habe schon immer etwas für Männer empfunden

Robert 18 Jahre

Ich habe schon in der Kindheit etwas für Männer empfunden, ich wusste nie warum. Im Laufe der Jahre wurde das immer mehr. In der Grundschule war ich bis zur dritten Klasse mit einem Mädchen zusammen, die ich noch heute liebe, komischerweise. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich immer mehr Gefühle für Jungen und Männer entwickelte. Mit 13 hatte ich eine richtig miese Begegnung mit einem erwachsenen Mann, danach hatte ich die Nase voll. Ich hatte auch wieder Beziehungen mit Frauen, aber das war nicht das Richtige.

Wenn ich im Zug saß, habe ich immer wieder Typen angesehen und gedacht: "Der sieht gar nicht schlecht aus". Ich wusste auch nicht, ob die schwul waren oder nicht. Ich habe mich gefragt, wie kann das angehen, dass ich Jungen süß finde, bin ich jetzt schwul oder was? Ich habe mich selbst nicht verstanden. Manchmal habe ich gedacht, ich ticke nicht ganz richtig. Es kann keiner sagen, man hat schwul zu sein oder nicht, das kommt einfach. Damit wird man geboren, denke ich.

Ich bin stolz drauf. Ich bin wirklich total stolz drauf, nicht nur Frauen zu lieben. Warum soll man sich einschränken? Meine Mutter sagt, Gott hat die Menschen gemacht, damit sie Kinder kriegen. Dafür gibt es zwei Geschlechter und die gehören zusammen. Ich meine, wenn man sich liebt, warum sollte man sich festlegen. Ich fühle mich so wohl, wie ich bin, das ist mein Leben. Ich muss damit klar kommen.

Daniel Küblböck, die komische Schwuchtel

Meiner Mutter habe ich es erzählt, als ich ungefähr 16 war. Ich erinnere mich, dass das der Zeitpunkt war, als "Superstar" lief, und Daniel Küblböck rausgeflogen ist. Ich erzählte ihr davon und sie meinte, Daniel sei eine komische Schwuchtel, die nichts besseres zu tun hat, als Leute zu verarschen. Das hat mich getroffen und ich habe gesagt: "Mutti, so kannst du nicht reden, er kann nichts dafür." Ich konnte den Typ auch nicht leiden, aber trotzdem. Meine Mutter war irritiert. Ich habe ihr dann gesagt, ich bin auch bi. Das hat sie mir zuerst nicht geglaubt und mich gefragt, ob ich getrunken hätte. Ich musste es ihr immer wieder sagen. Sie hat es bis heute nur teilweise akzeptiert. Sie macht mich immer wieder runter, indem sie z.B. sagt: "Das kann nicht sein, dass man so rumlaufen darf. Früher wurden die abgeknallt und ermordet." Sie meint, sie würde mich akzeptieren, wie ich bin. Inzwischen erzähle ich ihr, was es Neues gibt in meinem Leben und was in der Liebe los ist. Sie will es nicht wirklich wissen, weil sie immer noch dagegen ist. Sie regt sich darüber auf, dass ich in der Öffentlichkeit sage, dass ich schwul bin. Ich habe damit kein Problem, ich gebe das offen zu, wenn es passt. Ich frage doch meine Mutter nicht, wem ich was sagen darf. Ich bin alt genug, um selbst zu entscheiden.

Anmache auf der Straße und in der Schule

Auch von anderen wurde ich deswegen angemacht. Ich war mal auf einer Party in Magdeburg, wo ich geboren bin und meine Mutter und meine Geschwister heute noch leben. Da habe ich einen Kumpel getroffen, den ich noch von der Schule kannte. Ich habe ihm vorgeschlagen, einen auf oberschwul zu machen und zu sehen, wie die Leute reagieren. Wir sind Hand in Hand gelaufen. Das war wirklich nur ein Spiel, nichts Ernstes. Auf einmal kam eine Gruppe von sechs Nazis und die meinten zu mir: "Hast du schon mal einen Nazi gefickt?" Ich meinte: "Was willst du von mir?" Wir sind weiter gegangen und sie kamen hinterher, haben uns beschimpft und drohten uns zu verprügeln. An der Haltestelle mussten wir auf die Straßenbahn warten. Ich hatte richtig Schiss und Angst. Die Angst blieb. In Magdeburg habe ich mich niemals getraut, mich zu outen. Nur meiner Mutter habe ich es erzählt.

In der ersten Zeit in der Ausbildung im Theodor-Schäfer-Bildungswerk in Husum habe ich auch nichts gesagt. Ich habe mich auch nicht getraut, es den Betreuern zu erzählen. Es gab hier einige, die mir mit Schlägen gedroht haben, das habe ich den Betreuern schon gesagt, aber ich habe nie den Grund genannt. Von den Betreuern hätte ich keine Unterstützung erhalten. Letztendlich musst du selber für dich gerade stehen.

Irgendwann hat Jessica, ein Mädchen aus meiner Klasse, sich geoutet. Da habe ich mir gedacht, wenn sie sich so offen damit umgeht, warum nicht auch ich. Inzwischen habe ich es allen gesagt. Es ist raus. Das ist jetzt ungefähr ein Jahr her. Jetzt fühle ich mich wohl. Jessica ist da und wir sind gut befreundet. Mit ihr kann ich reden, wenn ich Probleme habe. Hier im Berufsbildungswerk gibt es immer einige, die das nicht akzeptieren und die mich fertig machen. Das ärgert mich schon, aber ich sage mir, es ist mein Leben, ich muss damit glücklich werden. Wenn die anderen damit Probleme haben, geht mir das am Arsch vorbei.

Das gilt auch für die Kommentare, die meine Mutter zu Hause macht.

Gesucht und gefunden

Ich habe lange einen Freund gesucht. Ich war auch in Schwulen- und Lesbendiscos, seitdem ich mich nicht mehr verstecke. Ich bin nach Kiel gefahren. In der Pumpe ist es ziemlich klein und schmuddelig. Wenn man bereits einen Kerl hat und verliebt ist, geht man da rein. Wenn man alleine ist, wie ich es damals noch war, ist es langweilig. Ich stand da alleine, alle küssten sich und tanzten. Ich langweilte mich zu Tode und konnte nur eifersüchtig zugucken. In der Traumfabrik war richtig was los. Da habe ich getanzt, das hat Spaß gemacht. In den Discos hatte ich wegen der Schwerhörigkeit mit den Männern keine Probleme. In den Ferien wollte ich mich in Magdeburg ein bisschen amüsieren. Ich habe festegestellt, dass es keine schwul-lesbische Disco gibt, nur das "Gummibärchen", das ist eine Schwulen- und Lesbenkneipe. Da war es superlangweilig. Ich bin in Magdeburg groß geworden. Die Stadt finde ich immer noch cool und wunderschön. Aber wenn man Spaß haben will, kannst du sie vergessen.

Einmal habe ich aber eine richtig beschissene Situation erlebt. Das war bei einem Date. Ich hatte eine Anzeige in einer Schwulenzeitung aufgegeben: "Ich, 17, suche süßen Boy, am besten blond, blaue Augen". Nachdem die Zeitschrift erschienen war, hatte ich hunderte von Nachrichten und Anrufen. Ich habe ein Date vereinbart. Der Typ war ungefähr 19, hatte Goldzähne im Mund, schwarze Haare und hat gestunken, völlig unhygienisch. Er hatte auch eine Behinderung. Das hat mich weniger gestört, obwohl ich mir schon Gedanken gemacht habe. Wer nimmt einen Kerl, der nur einen Arm hat oder dem man den Arsch abwischen muss. Jeder kann eine Behinderung haben, die gibt es halt. Aber ich schränke mich da schon ein bisschen ein, ich möchte schon etwas Normales haben. Klingt ein bisschen fies, aber ist so. Der Typ war wirklich schlimm. Er wollte Händchen halten auf der Straße. Das war mir wirklich zuviel. Schließlich war es nichts weiter als ein Date.

Inzwischen habe ich ihn gefunden! Ich habe ihn beim Essen in der Mensa kennen gelernt. Ich habe ihn angesprochen und wir haben uns über das Essen unterhalten. Ein völlig blödes Thema, was keinen Menschen interessiert. Nach dem Essen fragte er mich ganz überraschend, ob wir zu mir wollten. Mein Herz hat geschlagen wie sonst was. Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, war ich in ihn verliebt. Das wusste er aber nicht. Klar wollte ich! Unterwegs sagte ich ihm, er solle sich nicht wundern, dass in meiner Wohnung an der Wand ein halbnacktes Männerposter hängt. Er stutze und fragte, ob ich schwul sei, und ich erwiderte: "jein". Daraufhin meinte er, dass sei ihm egal, denn seine Tante sei lesbisch.

Erst war es eine normale Freundschaft. Ich bin mehrere Wochen mit Herzschlagen und Schmetterlingen im Bauch rumgelaufen. Die anderen haben gesagt, ich sei ein Weichei, weil ich mich nicht traue, es ihm zu sagen. Dann habe ich meinen Mut zusammengenommen und ihm gesagt, dass ich mehr empfinde. Er meinte, er empfände das nicht so. Ich habe mich dann zurückgehalten. Während einer Übungsfirmenmesse habe ich in vier Tagen vierzig Euro Handy-Guthaben vertelefoniert, nur um mit ihm reden zu können und am Wochenende drei Stunden nachts auf dem Bahnhof verbracht, nur um ihm zu treffen. Da hat er gecheckt, was los war. Nach ein paar Wochen, wir haben zusammen DVD geguckt, hat er seinen Kopf an meinen gelegt. Ich wollte das immer schon, aber ich hatte mich nie getraut. Dann hat er mir einen richtig geilen Kuss gegeben. Ich habe mich riesig gefreut. Ich küsste ihn auch immer wieder und dann hat er mir den ersten Knutschfleck verpasst.

Seitdem ist es immer mehr geworden. Sogar beim Kegeln mit seinem Betreuer hat er mich umarmt. Sein Betreuer fragte dann auch, ob wir schwul seien. Ich habe nichts dazu gesagt, er auch nicht. In der ersten Zeit, als wir noch nicht offiziell zusammen waren, hat er gesagt, dass er weder bi noch schwul sei. Jetzt sind wir zusammen, inoffiziell, nach außen hin nicht. Vor einiger Zeit meinte er, er glaube, er wäre doch schwul, er hätte Gefühle für mich. Er meinte, dass sei vererbbar. Ich habe ihm erklärt, dass es zu fünfzig Prozent vererbbar ist und die anderen fünfzig Prozent auf Familienangelegenheiten beruhten. Ich hatte immer gehofft, dass da was dran ist. Denn wenn seine Tante lesbisch ist, könnte er auch schwul sein.

Gestern hat mich mein Betreuer Christian gefragt, ob wir denn nun zusammen sind oder nicht? Ich meinte nur: "Das läuft!" Ich bin gespannt, was noch alles kommt. Ich finde das cool und fühle mich jetzt richtig wohl. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, ohne ihn zu sein. Das Gute ist, seine Mutter weiß jetzt, dass er einen sehr guten Freund hat und dass ich vom anderen Ufer bin. Sie hat ihn gefragt, ob ich nicht zu Silvester eine Woche bei ihnen verbringen will. Ich habe noch nicht zugesagt aus Kostengründen. Ich bin schon im Minus mit meinem Konto. Aber was tut man nicht alles, wenn man verliebt ist? Ich denke, dass ich das machen werde.

Mein Freund hat mit der Schwerhörigkeit kein Problem, weil ich wie ein Normaler verstehe. Außerdem sind wir alle hier in der Ausbildung, weil wir eine Behinderung haben. Er hat Asthma und Neurodermitis. Ich habe Neurodermitis und bin schwerhörig, was soll's?

Knete im Ohr

Früher hatte ich Schwierigkeiten wegen der Schwerhörigkeit. In der Schulzeit kamen Kinder und Erwachsene und haben gesagt: "Guck mal, wie der rumläuft, der hat ja Knete in den Ohren!" Dann habe ich gesagt: "Diese Knete ist um die tausend Euro wert!" Das haben sie mir dann nicht geglaubt.

Noch früher haben die Leute mich immer für einen Idioten gehalten, weil ich schlecht verstanden habe. Das Dumme ist, man hat bei mir erst mit dem sechsten Lebensjahr festgestellt, dass etwas nicht stimmt. Vorher haben alle gesagt, der Junge tickt nicht richtig. Denn in der Vorschule habe ich nie etwas kapiert und bin nicht mitgekommen. Der Lehrer hatte einen Bart, so konnte ich seinen Mund nicht sehen und ihn auch nicht verstehen. Ich habe schon immer vom Mund abgesehen, wenn ich jemandem zuhöre. Mein Glück war, dass meine Mutter eine sehr laute Stimme hatte und schon ganz früh zu mir gesagt hat: "Kind, guck mir ins Gesicht, wenn ich mit dir rede!" Hätte sie das nicht getan, könnte ich heute nicht so gut sprechen. In meiner alten Schule haben sie immer daran gezweifelt, dass ich schwerhörig bin und trotzdem so gut sprechen und hören kann. Ich musste dann immer erklären, wie das gekommen ist. Ich habe das Mundbild meiner Mutter total verinnerlicht. Ich bin richtig stolz auf sie, dass sie hinbekommen hat, dass ich so gut hören und erzählen kann. Ich rede zwar ein bisschen schnell. Das ist vielleicht auch eine Behinderung, ich weiß nicht. Mit der Schwerhörigkeit habe ich keine Schwierigkeiten, jetzt nicht mehr. Das hat sich im Laufe der Jahre verändert. Vor zehn Jahren wurde ich manchmal runtergemacht, ausgelacht und von manchen Dingen ausgeschlossen, mit der Begründung, man wolle Asoziale nicht dabei haben. Ich sei behindert und könne das sowieso nicht. Heute schaue ich über solche Sprüche hinweg. Ich denke, dass heute jeder weiß, was Hörgeräte sind und was sie auf sich haben. Die Technik hat sich weiterentwickelt. Einige denken sogar, das seien Hightech-Geräte zum Telefonieren. Die Leute denken, der hat Luxus an den Ohren! Mich stört das nicht mehr. Das ist gut für meine Gesundheit, ich höre damit besser. Was andere sagen, geht mir am Arsch vorbei.

Ich möchte normal leben

Wie ich in zehn Jahren leben werde? Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich will später mal Kinder haben und Vater werden, das ist mein größter Wunsch. Wie, das ist eine andere Geschichte. Deswegen denke ich manchmal, es muss eine Frau her.

Wenn alles klappt, habe ich eine eigene Wohnung und bin hoffentlich immer noch mit meinem Freund zusammen und wohne mit ihm zusammen. Man weiß ja nie, Liebe geht auch mal vorbei. Was ich mir auf jeden Fall vorgenommen habe ist, dass ich auf keinen Fall ein Kampfschwuler werde, der sich in rosa kleidet und mit "gebrochenen Handgelenken" rumläuft. Ich interessiere mich für Männer, ich gehe offen damit um, aber ich renne nicht mit einer Handtasche rum. Der Ohrring im rechten Ohr reicht schon, mehr muss nicht sein. Wenn mein Freund dazu bereit ist, würde ich auf der Straße mit ihm laufen und zeigen, dass wir zusammen sind. Aber die Wohnung rosa anstreichen von innen und außen, das könnte ich nicht. Leben werde ich ganz normal: ein fettes Auto, eine schöne Wohnung, ein paar Haustiere, Geld verdienen, ein normales Leben halt. Nur dass ich mit einem Mann zusammenlebe.

Das Copyright dieser Geschichte liegt beim Jugendnetzwerk Lambda e.V. Jegliche weitere Veröffentlichung ist nicht gestattet.

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