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Coming Out <zurück>
Akzeptanz habe ich vorausgesetztMarie 23 Jahre Eine Utopie von mir ist es, dass man nicht mehr für Gleichheit kämpfen müsste, dass einen keiner mehr anmacht und dass Lambda überflüssig wird. Das ist doch auch das Ziel von Lambda. Die Bilder in den Köpfen der MenschenDer Liedermacher Funny van Dannen singt von einer lesbischen, schwarzen Behinderten. Wenn man das "schwarz" durch "weiß" ersetzt und ich nach Afrika gehen würde, wäre ich nicht nur Teil einer Randgruppe, sondern ich würde ganz viele vereinigen. In Deutschland werden Menschen benachteiligt, sowohl Frauen, die in lesbischen Beziehungen leben, als auch behinderte Menschen. Was mir in der Gesellschaft fehlt, ist ein Selbstverständnis für "Anderssein". Es wird gar nicht die Möglichkeit gelassen, z.B. nicht sehen zu können. In unserer Gesellschaft wird davon ausgegangen, dass alle sehen können und jede junge Frau einen jungen Mann für ihr Leben sucht. Das sind diese Rollenbilder, die ich nicht "natürlich" finde. Diese Bilder sind in den Köpfen der Menschen und scheinen vordergründig für alle gleich zu sein. Dieses "Selbstverständnis", beschäftigt mich immer wieder, Es wird von einer Gleichheit ausgegangen wird, die nicht da ist. Es fehlt das Bewusstsein für die Dinge, die anderen Leuten passieren, die vielleicht nicht hören oder nicht gehen können, die eine andere Hautfarbe haben und die dadurch vielleicht ausgeschlossen werden. Seit meinem Coming-out habe ich mir noch mehr Gedanken über Rollenbilder gemacht, die total überflüssig sind. Unsere Gesellschaft teilt die Menschen in zwei Geschlechter: in Mann und Frau. Eigentlich geht das gar nicht so leicht, weil es da so viel dazwischen gibt. In jedem von uns ist nicht nur eine Sache. Frauen und Männer sind untereinander so unterschiedlich, so vielfältig, dass die Sprache nicht reicht, das zu beschreiben. In der deutschen Sprache fehlen passende Begriffe dafür. Für mich ist der Text von Funny van Dannen so prägnant, dieses lesbische - schwarze - behinderte, diese drei Sachen in einem. Es geht darum, Vielfalt zu respektieren. Im Grundgesetz steht, dass alle Menschen gleichberechtigt sind. Dann wird ergänzt, dass das auch gilt bei einer anderen Religion oder einer Behinderung. Das ist doch paradox: Wenn alle gleich sind, muss man das doch nicht extra erwähnen. Vielfalt leben ist schwierigEs wäre schön, wenn Vielfalt selbstverständlich wäre. Dann wäre Lambda auch überflüssig, dann könnten lesbische und schwule Jugendliche in jeden Jugendfreizeittreff gehen und dort gäbe es bei Bedarf eine Coming-out-Gruppe. Ich brauche für mich keinen Austausch, weil ich keinen Zusammenhang erlebe zwischen Behinderung und Lesbischsein. Aber ich sehe, dass Menschen unter Diskriminierungen leiden. Ich bin wirklich sehr dankbar, dass es bis jetzt supergut ging. Ich hatte auch nicht das Problem, mich in der Schule zu outen. Ich weiß, dass es auch anders laufen kann. Meine Freundin hat ganz lange gekämpft, erst um ihr inneres Coming-out und dann in ihrem äußeren Coming-out. Es ist sehr wichtig, dass Aufklärung stattfindet, überall, in den Schulen, für die Eltern, bei den Behindertenvereinen. Da ist mein Mitgefühl auf der Seite derjenigen, die sich durchbeißen und kämpfen müssen. Ich habe es gut, behütet zu sein von meinen Eltern und von den Eltern meiner Freundin. Auch wenn es bei einigen Freunden ein bisschen dauert, bis sie ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie doof es sein kann, wenn man von einem Mann als knutschendes Frauenpärchen angesprochen wird, ob man denn nicht einen "Dreier" haben möchte. Ich verstehe nicht, warum man nicht einfach einen anderen Menschen lieben kann, egal welchen Geschlechtes. Mein Coming-out war vor fast zwei Jahren mit meiner jetzigen und ersten Freundin. Es ging recht schnell über die Bühne. Es hat sich irgendwie angebahnt. Wir waren total gut befreundet. Unsere Freundschaft wurde immer intensiver, so dass sich irgendwann die Ebene unserer Beziehung geändert hat und es kam eine weitere dazu. Meine Freundin hatte schon vorher eine Beziehung zu einer Frau, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, das habe ich erst später rausbekommen. Akzeptanz habe ich vorausgesetztMeine Freunde haben das ganz schnell mitbekommen. Ich habe ihnen auch nicht viel Zeit gelassen, damit umzugehen. Es wurde von mir einfach vorausgesetzt, dass das okay ist, und es war auch okay. Obwohl ich schon Herzklopfen hatte zu sagen: So, ich bin jetzt mit dieser Frau zusammen. Bei meiner Mutter habe ich an einem Nachmittag zweimal einen Anlauf gemacht und dann beim zweiten Mal gesagt, dass wir zusammen sind. Meine Mutter meinte, dass sie sich so etwas schon gedacht hätte. Es war eine witzige Situation, weil wir in diesem Moment auf der Strasse waren und gerade vor einem lesbischen Pärchen standen. Das war wie ein unterstützender Impuls in diesem Moment und ich dachte: Jetzt kann ich das auch sagen. Mein Vater meinte nur, ob es mir jetzt schwerer gefallen sei, es ihm zu sagen, als wenn es ein Junge gewesen wäre. Er fragte mich auch, ob ich glücklich sei. Daraufhin habe ich ihn in den Arm genommen. Ja, so ganz liberal und so ganz toll. Es gab aber auch Leute, die es mir am Anfang nicht geglaubt haben. Wir waren z.B. mit einem guten Freund unterwegs. Meine Freundin und ich liefen Hand in Hand. Ich erzählte ihm, dass meine Freundin bei mir geschlafen hatte. Er hat es einfach nicht gesehen oder er wollte es nicht sehen. Ich musste ihm fünf Mal sagen, dass wir zusammen sind, und er hat immer wieder nachgefragt, wie ich das meine. Ein anderer Freund dachte, ich verarsche ihn. Es war eine doofe Situation, weil ich dann auch lachen musste, weil ich ihm nicht geglaubt habe, dass er mir nicht glaubt. Ich habe dann herausgefunden, dass er es mir wirklich nicht geglaubt hat. Bei diesem Freund hat es mich wirklich überrascht, weil er Lesben kennt. Bis jetzt gab es keine negativen Reaktionen in meinem Umfeld, wofür ich wirklich dankbar bin. Auch nicht in meinem Sportverein, darüber bin ich total glücklich. Mein Leben zwischen Aikido und StudiumIch mache Tenderio-Aikido. Es sind weiche Bewegungen zusammen mit einem Partner und nicht gegeneinander, was sonst bei Kampfsportarten üblich ist. Ich kann bei Aikido ins Schwärmen geraten. Aikido ist keine Sportart mehr für mich sondern eher Kunst. Es ist für mich wie ein Lebenselexier. Wenn ich viel trainiere, wird es zur Kunst. Dann fühle ich mich im Training und auch danach mit mir und der Welt im Reinen. Momentan ist Aikido allerdings Sport. Ich bekomme Muskelkater weil ich wegen des Umzuges und der Anforderungen in der Uni so wenig Zeit zum Trainieren habe. Ich bin jetzt sechs Jahre dabei und in die Gemeinschaft des Vereins reingewachsen. Es ist ein Rückhalt, der auch da ist, wenn ich nicht immer da bin. Der Verein gehört irgendwie in mein Leben, deshalb waren mir auch die Reaktionen der anderen wichtig. Neben meinem Sportverein und meiner Freundin schlafe ich ganz viel, lese alleine und gerne zusammen mit meiner Freundin, treffe mich mit Freunden. Ich setze gerne kreative Gedanken um, sei es beim Kochen, Basteln oder T-Shirts Bemalen. Reisen ist für mich ganz wichtig. Oft fehlt allerdings das Geld und die Zeit. Ich bin gerne am Wochenende außerhalb von Berlin. Das nächste große Reiseziel weiß ich noch nicht, vielleicht Australien, Neuseeland oder Skandinavien. Irgendwann ist eine Osteuropatour wahrscheinlich, aber das geht nur im Sommer, weil es sonst zu kalt ist. Die Transsibirische Eisenbahn würde mich reizen. Ansonsten lebe ich momentan zwischen Tür und Angel. Ich gründe gerade eine Wohngemeinschaft im Wedding. Es ist leider Wedding geworden, weil Nollendorfplatz und Kreuzberg zu teuer sind. Wir haben ein kleines süßes Häuschen gefunden. Meine Sachen sind an verschiedenen Orten verteilt. Meine vielen heiligen Bücher sind bei meinem Vater im Lager. Ein anderer Teil bei meinen Eltern in der Wohnung, wo ich zwischendurch noch einmal drei Monate gewohnt habe. In diesen drei Monaten habe ich allerdings einen Monat gearbeitet und war einen Monat mit meiner Freundin in Thailand. Ich bin froh, jetzt in eine eigene Wohnung zu ziehen. Ich ziehe mit einer Freundin zusammen, die ich seit drei Jahren kenne. Sie zieht von Stuttgart nach Berlin, weil ihr Freund hier wohnt und sie ist jetzt mit ihrer Ausbildung fertig. Ich wollte nicht wieder in meine alte Wohnung und sie brauchte jemanden, den sie in Berlin kennt. Da haben wir beschlossen, zusammenzuziehen. Wenn ich nicht verreist bin oder umziehe, studiere ich Erziehungswissenschaften und Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universität. Auch da ist alles im Umbruch. Die Studiengänge werden umgestellt. Ich bin im sechsten Semester Grundstudium. Ich muss jetzt genau darauf achten, wie die Veranstaltungen heißen, damit ich die richtige belege und meine Scheine bekomme. Bisschen kompliziert gerade an den Berliner Universitäten. Freizeitbeschäftigung: Beraterin bei In&OutEin anderer wichtiger Teil meiner Freizeitbeschäftigung ist meine ehrenamtliche Arbeit im Jugendnetzwerk Lambda. Vor ungefähr einem Jahr habe ich etwas gesucht, wo ich mich sozial engagieren konnte. Gleichzeitig wollten meine Freundin und ich etwas zusammenmachen. Da haben wir gedacht, wir könnten bei Lambda gucken, ob sie Teamer brauchen. Ich weiß nicht, woher wir wussten, dass es Lambda gibt. Ich glaube, ich habe mal mit einer Frau geredet, die mir erzählte, dass sie bei Lambda im Aufklärungsprojekt ist und Ferienfahrten organisieren und betreuen würde. Auf der Webseite von Lambda wurde für das Beratungsprojekt "In & Out" ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht. Da dachte ich, Mensch, die suchen genau mich! Ich bin dann mit Herzklopfen vorbeigegangen, weil ich nicht wusste, was mich erwartet. Ich hatte bis dahin keinen Kontakt zur Lesben- oder Schwulenszene. Ich hatte ein Jahr ausschließlich mit meiner Freundin verbracht. Auf einmal war dann Lambda in unserem Leben. Das war der Beginn der Entdeckung der Szene in Berlin. Ich mache jetzt seit einem dreiviertel Jahr Beratung. In & Out ist ein ehrenamtliches Beratungsprojekt von Jugendlichen für Jugendliche zu allen Fragen lesbischen, schwulen und bisexuellen Lebens. Wir beraten übers Internet, per Brief, Telefon und persönlich. Bisher habe ich hauptsächlich per E-Mail beraten. Ich hatte auch schon meine erste persönliche Beratung. Ich hatte den Beratungsdienst übernommen, es gab keine verabredeten Beratungstermine. Plötzlich stand ein junges Mädchen vor der Tür. Ich war genau so aufgeregt wie sie. Sie hat am Anfang kein Wort rausbekommen und ich wusste nicht, wie ich anfangen sollte. Aber dann ging es. Sie wollte mit jemandem reden, die ähnlich fühlt und denkt wie sie. Sie wollte das Gefühl haben, dass sie nicht alleine ist. Das Wichtigste war, dass sie jemanden hatte, mit der sie reden konnte. Ihre Mutter hatte sie nicht ernst genommen, als sie gesagt hat, dass sie in eine Klassenkameradin verliebt sei. Auch von ihrem Stiefvater fühlte sie sich nicht verstanden, obwohl er als Pädagoge arbeitet. Lesbischsein und Seheinschränkung - keine ProblemeBei Lambda gab es ein Projekt speziell für Jugendliche mit Behinderung. Es hieß Lambda². Das Projekt wurde nicht mehr gefördert und ist inzwischen eingeschlafen. So habe ich bisher keine anderen mit einer Behinderung kennengelernt. Ich fühle mich durch meine Seheinschränkung nicht wirklich "behindert". Das liegt wohl auch daran, dass die Verschlechterung meiner Sehfähigkeit irgendwann in der Grundschulzeit begann. Es hat zuerst keiner bemerkt und ich habe das irgendwie ausgeglichen. Heute erkenne ich die Umrisse und in groben Zügen die Gesichtszüge einer Gesprächspartnerin. Mit einer großen Vergrößerung kann ich alle Texte lesen. Manchmal fahre ich sogar Fahrrad. In meinem Alltag kann ich nicht sagen, dass das Lesbischsein und Behindertsein irgendwie zusammenspielen und dass sich dadurch Probleme ergeben. Allerdings bin ich im Moment auch nicht auf der Suche nach jemandem. Ich kann mir vorstellen, dass sich bei Suche und der Kontaktaufnahme Probleme ergeben könnten. Flirten mit Augenkontakt geht nicht, ich sehe die andere einfach nicht und erkenne den Gesichtausdruck nicht. Insofern fällt der erste große Schritt der Kontaktaufnahme weg. Ich müsste die andere direkt ansprechen. Aber das ist gerade kein Thema für mich. Ich hätte gerne viel Geld für viele Reisen.Was ich mir persönlich für meine Zukunft wünschte? Das ist gar nicht einfach zu sagen. Ich hoffe für mich, dass mein Umfeld weiterhin liberal bleibt und hinter mir steht, dass alle zu mir halten, egal was passiert. Denjenigen von meinen Freunden, die es jetzt gerade schwer haben im Leben, wünsche ich die Stärke, weiterzumachen in ihrem Leben und ihren Weg zu gehen. Ich wünsche mir für die Menschen, die mir etwas bedeuten, das sie die Stärke und den Rückhalt haben, dass zu erreichen, was sie sich wünschen. Und dass jeder sein Glück findet und es auch behält. Und dann natürlich: mein Haus, mein Auto ... Nein, ich werde kein Auto haben, ich kann ja kein Auto fahren und ein Haus habe ich jetzt schon. Materiell ist es, glaube ich, fast egal. A propos materiell: viel Geld für viele Reisen hätte ich gerne. Was mir, glaube ich, ganz schwer fällt, ist, einen Nebenjob zu finden wegen der Sehbehinderung. Kassieren geht nicht, kellnern geht nicht. Selbst im pädagogischen Bereich ist es schwer. Trotzdem bin ich ganz zuversichtlich. Bisher fand sich immer ein Weg, selbst in Momenten, in denen ich dachte, dass nichts mehr geht. Das Copyright dieser Geschichte liegt beim Jugendnetzwerk Lambda e.V. Jegliche weitere Veröffentlichung ist nicht gestattet. Coming Out <zurück>
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