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Coming In, Coming Out

Bert (16 Jahre)

Gerade bin ich in Irland auf einer Freizeit des lesbischwulen Jugendnetzwerk Lambda und schreibe nun über mein Coming-Out bzw. über das, was noch so alles dazu gehört.

Ob es interessant ist, keine Ahnung, aber ich habe früher (wie sich das anhört, bin ja auch erst 16 !) gerne solche Berichte gelesen, alleine um zu sehen, daß ich mit meinen Gefühlen nicht alleine auf der Welt bin.

Hmmm, eigentlich weiß ich jetzt nicht so genau, wie ich anfangen soll, aber kurz noch etwas vorweg: Alles was ich schreibe ist wahr und nicht zusammengedichtet und sollte jemand Probleme mit dem Wort Schwuchtel" haben, dann sorry, einfach überlesen.

Okay, dann fange ich jetzt einfach mal gaaanz vorne an.
Als aller erstes wurde ich auf diese Welt geworfen" und hatte erst einmal ­für meine Vorstellung- eine ganz normale Kindheit, außer vielleicht, daß ich mit meiner Mum seit meiner Geburt alleine lebe. Ich weiß, dies gibt es oft, ist wohl auch nichts ungewöhnliches mehr und hat mit meinem schwulsein auch absolut nichts zu tun, aber es gehört nun mal zu meiner Geschichte dazu.

Während meiner Zeit im Kindergarten und in der Grundschule habe ich mir mit ziemlicher Sicherheit noch keine Gedanken über Schwuchteln und Lesben gemacht. Was ich weiß ist, daß ich nie mit Autos oder ähnlichem gespielt habe. Statt dessen wurden sämtliche andere, vielleicht auch zum Teil total unmännliche Spiele bevorzugt. Okay, mit Puppen habe ich nicht gespielt, ...smile.... aber es war wohl doch eher etwas ungewönlich. Und noch etwas: Superwichtig für mich war früher immer Tommy. Ihr wißt schon, der von Pippilangstrumpf. Der war ja soooo süß. Überhaupt habe ich mir immer total nette Jungen als Vorbilder" ausgesucht.

Nur kindliche Träume, oder war da schon etwas in die richtige Richtung?!

So, und nun ein ganz großer Zeitsprung bis zum Beginn meiner pubertären Phase (Eigentlich `ne geile Zeit, oder?!). Mittlerweile wußte ich wenigstens was das Wort Homosexualität" bedeutet und das es wohl ziemlich häufig in der Gesellschaft auf Unverständnis stößt.

Gut, bzw. nicht gut, aber mittlerweile hatte sich in meiner Klasse das Wer geht mit wem Spiel" angekündigt und ich merkte dann doch immer deutlicher, daß ich das Spiel gerne mit anderen Regeln spielen wollte.

Zudem bekam ich langsam auch ein Gefühl für Sex, allerdings so , daß sich da unten nur etwas regte , wenn ich einen süßen Typen sah, und nicht, wie doch bei den meisten üblich bei einen süßen Mädel. Von diesem Zeitpunkt an habe ich mich dann intensiver mit der Thematik beschäftigt und mir auch einige Bücher darüber gekauft. Letztendlich war dann in allen etwas von einer Phase" zu lesen, die auch wieder vorbei geht. Es hat sich aber nichts geändert und ich hatte ein Problem damit, weil ich es nicht akzeptieren wollte und weil ich mit keinem darüber geredet habe.

Aber in einem war ich mir 100% sicher, nämlich daß ich eine Schwuchtel bin.

Und wieder ein großer Zeitsprung: Mittlerweile bin ich 16 Jahre alt und habe mich sehr gut mit einem Mädchen aus meiner Klasse angefreundet.

Irgendwann kam sie dann auf die tolle Idee mich im Kunstunterricht zu fragen, ob ich schwul sei. Ich war geschockt, dachte wäre tuntig und habe mich zurückgezogen, war stocksauer und habe alles abgestritten.

Zu dieser Zeit habe ich dann durch das Internet einen sehr lieben schwulen 23jährigen kennengelernt, der mir sehr geholfen hat mich akzeptieren zu lernen.

Die Freundschaft zu dem Mädchen mit der Bist Du `ne Schwuchtel Frage?" wurde nun immer intensiver und ich habe dann kurzerhand entschlossen, mich bei ihr zu outen. Daß sie es absolut locker aufnehmen würde war mir klar, und so kam es dann, daß ich stotternd vor ihr saß und sie bat, mich das zu fragen was sie gerne wissen wollte. Nach kurzer Zeit kam dann auch meine Lieblingsfrage Bist Du schwul?" , nun habe ich einfach meinen Mut zusammengenommen und habe ja" gesagt.

Die Reaktion war cool, lustig und erleichternd. Ich hatte endlich eine reale Person mit der ich mich über meine Gefühle, im Bezug auf Liebe und Sex, reden konnte: WOW! Ein geiles Gefühl !!!

Dies war wohl erste Schritt in die richtige Richtung. Eigentlich sollte nun als nächstes das Outing meiner Mutter gegenüber folgen. Doch dann hatte mich mein Mut wieder verlassen. Doch dieses Thema erledigte sich in den folgenden Wochen, auf unerwarteter Art und Weise, von alleine:

Ich war gerade in Urlaub, als meine Mum blöder bzw. glücklicher Weise eine Mail von mir an meinen Bekannten aus dem Internet in die Finger bekam. Gerade in dieser Mail ging es natürlich um Sex und daß das Thema Homosexualität" in meiner Familie langsam Gestalt annehmen würde.

Oh je, damit war meiner Mutter dann noch mit einem Schlag einiges klar.Obwohl sie später meinte, daß sie es eh schon längst geahnt hätte. Okay, als ich dann aus meinem Urlaub wiederkam, hatte ich irgendwie schon das Gefühl, daß meine Mum komisch drauf war. Als sie dann auch noch ein Gespräch mit mir führen wollte, war mir dann doch einiges klar.

Ja, in eben diesem Gespräch habe ich dann das wohl eh offensichtliche mit einem Satz bestätigt: Ja, ich bin Schwul!"

Es war draußen, ich konnte endlich frei und offen reden. Glücksgefühle und Ängste vermischten sich. Erst einmal habe ich alle Fragen meiner Mum beantwortet: Seit wann weißt Du das? Bist Du nicht Bi? Interessieren Dich Frauen sexuell denn gar nicht?" Nein, Mum!!!". Im Großen und Ganzen ist es wohl gut gelaufen.

Ich denke, daß es absolut positiv ist, daß meine Mutter Bescheid weiß. Wahrscheinlich war es auch ganz gut das meine Mum von allem erfahren hat, als ich nicht da war. So konnte sie sich wenigstens einige Tage akklimatisieren". Denn ein Schock war es wohl, denke ich.

Probleme gibt es vielleicht noch im laufe der Zeit mit der Familie, Freunden, Schule etc., aber da ich mich nicht sofort überall outen möchte, wird dies wohl noch ein wenig dauern.

Meine größten Befürchtungen, vor die Tür gesetzt zu werden oder ähnliches haben sich also überhaupt nicht bestätigt. Probleme meine Gefühle meiner Mutter gegenüber zu äußern oder einfach einmal zu sagen: Schau mal, der sieht doch süß aus, gelle?!", habe ich noch immer, allerdings denke ich, daß dies auch mit der Zeit legen wird, denn mein Outing ja ist erst 3 Monate her.

Was ich schade finde ist, daß in den Köpfen der meisten Leute nur Szene" vorhanden zu sein schein. Gleicher Maßen bei Homos, als auch bei Heteros.

Auch ich habe meine Probleme damit, daß sich bei vielen Schwulen alles nur darum zu drehen scheint, wie man den nächsten Typen in die Kiste bekommt. Das es aber auch anders geht, scheint kaum an die breite Masse zu gelangen. Da gerade diese negativen Vorstellungen in der Gesellschaft stark verankert sind, machen sie einem das Outing und die Akzeptanz der eigenen Person nicht gerade einfacher.

Trotzdem kann ich aber sagen, daß man sich durch das Coming-Out freier und verstandener fühlt. Selbst wenn es vorerst nur dem besten Freund oder Freundin gegenüber stattfindet, kann man schon ein Stück mehr man selbst sein und solltet Ihr doch einmal auf Unverständnis stoßen, dann denkt an diesen Satz von Goethe:

Akzeptiere das Unverständnis als unvollkommene Geste der Unschuld." Ich weiß, es klingt kitschig und schnulzig, ist aber doch auch eine Sichtweise, oder?!

Das Copyright dieser Geschichte liegt beim Jugendnetzwerk Lambda e.V. Jegliche weitere Veröffentlichung ist nicht gestattet.

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